Nach einer intensiven Entwicklungsphase ist die Ersthelfer-App „ProHerzschlag“ im Landkreis Neuwied gestartet. Landrat Achim Hallerbach stellte das neue System gemeinsam mit den beteiligten Projektpartnern aus dem Rettungsdienst und der Gesundheitsregion KölnBonn im Rahmen einer Pressekonferenz im Max-zu-Wied-Saal des Kreishauses vor.
„Über die App ist es möglich, Ersthelfer bei Herz-Kreislauf-Stillstand einer Person zu alarmieren. Somit kann schon vor Eintreffen des Rettungsdienstes mit lebensrettenden Maßnahmen begonnen werden, das sind wertvolle Minuten. Unser neues Ersthelfersystem ist ein Pilotprojekt zur zeitgemäßen Ergänzung der bestehenden Rettungskette“, erklärte Landrat Achim Hallerbach.
Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zählt jede Minute. Um die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes möglichst effektiv zu überbrücken, setzt der Landkreis Neuwied ab sofort auf ProHerzschlag. Registrierte Ersthelferinnen und Ersthelfer können über die Smartphone-App bei einem vermuteten Herz-Kreislauf-Stillstand in ihrer Nähe parallel zum Rettungsdienst alarmiert werden. Sie können dadurch frühzeitig mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen und, sofern vorhanden, einen Automatisierten Externen Defibrillator (AED) zum Einsatzort mitbringen.
Seit Mitte Juli befindet sich ProHerzschlag im Landkreis Neuwied bereits im Live-Betrieb. Inzwischen wurden auch erste reale Alarmierungen über das System ausgelöst. Während der Pressekonferenz demonstrierten die Projektbeteiligten anhand eines simulierten Einsatzes, wie die App in die bestehende Rettungskette integriert wird.
„Der Start markiert dabei nicht den Abschluss, sondern den Beginn des weiteren Aufbaus eines flächendeckenden Ersthelfer-Netzwerks in unserem Landkreis“, betonte Hallerbach.

Jede Minute kann entscheidend sein
Ein außerklinischer Herz-Kreislauf-Stillstand zählt zu den zeitkritischsten medizinischen Notfällen. Sobald die Herzfunktion aussetzt, werden lebenswichtige Organe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Besonders empfindlich reagiert das Gehirn auf diese Unterversorgung. Bereits nach wenigen Minuten ohne effektive Wiederbelebungsmaßnahmen steigt das Risiko bleibender Schäden deutlich.
Hier setzt ProHerzschlag an. Dr. Christian Voigt, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst für den Rettungsdienstbereich Montabaur, stellt dabei klar: „Das System soll und kann den Rettungsdienst nicht ersetzen, sondern die bestehende Rettungskette um einen zusätzlichen Baustein ergänzen. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, die sogenannte therapiefreie Zeit so kurz wie möglich zu halten. Ersthelfer-Apps können hierzu einen wichtigen Beitrag leisten“.
Nach Angaben des Jahresberichts 2024 des Deutschen Reanimationsregisters zum außerklinischen Herz-Kreislauf-Stillstand überleben derzeit lediglich 10,9 Prozent der Betroffenen bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus. Umso entscheidender ist es, möglichst früh mit lebensrettenden Maßnahmen zu beginnen.
So funktioniert ProHerzschlag
Geht bei der Leitstelle ein Notruf mit dem Verdacht auf einen Herz-Kreislauf-Stillstand ein, wird zunächst wie gewohnt der Rettungsdienst alarmiert. Gleichzeitig werden die für die Ersthelferalarmierung notwendigen Einsatzdaten an das technische System übermittelt.
ProHerzschlag kann anschließend registrierte und qualifizierte Ersthelferinnen und Ersthelfer innerhalb eines Radius von zwei Kilometern um den Einsatzort alarmieren. Je nach persönlicher Einstellung erfolgt die Auswahl anhand der in der App hinterlegten Wohn- und Arbeitsadresse oder über den aktuell freigegebenen GPS-Standort.
Für den Landkreis Neuwied stellt die Einführung einen weiteren Schritt bei der Entwicklung der regionalen Notfallversorgung dar. „Mit ProHerzschlag verfolgen wir das Ziel, die Überlebenschancen bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand weiter zu verbessern. Als Landkreis wollen wir innovative Lösungen nicht nur beobachten, sondern aktiv mitgestalten und dafür sorgen, dass sie ganz konkret den Menschen vor Ort zugutekommen“, so Landrat Achim Hallerbach.
Europäisches Projekt als Grundlage
Die Entwicklung des Systems geht auf das europäische Vorgängerprojekt HEARTSAFE NWE zurück. Als Mitglied der Gesundheitsregion KölnBonn erhielt der Landkreis Neuwied die Möglichkeit, als deutsche Pilotregion mitzuwirken. Gemeinsam wurden unter anderem das Konzept an die deutschen Rahmenbedingungen angepasst, rechtliche und datenschutzrechtliche Fragen geklärt sowie die technische und organisatorische Umsetzung vorbereitet.
Mit dem Folgeprojekt HEARTSAFE 2.0 wird diese Arbeit fortgeführt. Partner aus mehreren nordwesteuropäischen Ländern arbeiten daran, die Versorgung von Menschen mit außerklinischem Herz-Kreislauf-Stillstand durch den Aufbau und die Professionalisierung von Community-First-Responder-Strukturen weiterzuentwickeln.
Dabei fließen insbesondere Erfahrungen aus den Niederlanden ein, wo Ersthelfersysteme bereits seit vielen Jahren etabliert sind. Erfolgreiche Strukturen und gewonnene Erkenntnisse sollen im Rahmen von HEARTSAFE 2.0 auf weitere europäische Regionen übertragen und an die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten angepasst werden.
Nathalie Pfafenrot, stellvertretende Geschäftsführerin der HRCB Projekt GmbH, erklärt: „Mit ProHerzschlag übertragen wir nicht einfach ein bestehendes System auf den Landkreis Neuwied. Der große Mehrwert von HEARTSAFE 2.0 liegt darin, dass wir auf langjährigen Erfahrungen aus den Niederlanden aufbauen, gemeinsam mit unseren europäischen Partnern lernen und das System an die regionalen Strukturen anpassen können.“
Gleichzeitig werde die Einführung über mehrere Jahre begleitet. Dazu gehören laut Pfafenrot die technische und organisatorische Umsetzung, die Qualifizierung und Gewinnung von Ersthelferinnen und Ersthelfern sowie die Qualitätsentwicklung und langfristige Verstetigung des Systems.
Der Landkreis Neuwied ist als assoziierter Partner direkt in das europäische Projekt eingebunden. Die Gesundheitsregion KölnBonn und die HRCB Projekt GmbH begleiten die Einführung in Deutschland.
Zwei Wege zum ProHerzschlag-Ersthelfer
Damit das System dauerhaft erfolgreich sein kann, soll ein möglichst dichtes Netzwerk qualifizierter Ersthelferinnen und Ersthelfer aufgebaut werden. Interessierte können sich über die ProHerzschlag-App oder das ProHerzschlag-Dashboard registrieren.
Für Menschen ohne medizinische Vorkenntnisse ist zunächst eine Reanimationsschulung erforderlich. Entsprechende kostenfreie Angebote sollen künftig im Landkreis Neuwied unter anderem durch das Deutsche Rote Kreuz und die Malteser bereitgestellt werden.
Personen mit medizinischer Vorqualifikation, beispielsweise Ärztinnen und Ärzte, Notfallsanitäter, Rettungssanitäter oder Pflegefachpersonen, können alternativ ihre berufliche Qualifikation nachweisen und zusätzlich ein E-Learning zur Nutzung des Systems absolvieren.
Nach Prüfung der erforderlichen Nachweise werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Alarmierung über ProHerzschlag freigeschaltet.
Ersthelfer-Netzwerk soll weiter wachsen
Mit dem Start des Live-Betriebs beginnt zugleich der weitere Ausbau des Netzwerks. Ziel ist es, möglichst viele qualifizierte Menschen für eine Teilnahme zu gewinnen, zusätzliche Schulungsangebote zu schaffen und die Erfahrungen aus den realen Alarmierungen kontinuierlich in die Weiterentwicklung des Systems einfließen zu lassen.
„Unser Landkreis Neuwied versteht sich als moderner und innovativer Gesundheitsstandort. Wir wollen auch hier neue Lösungen nicht erst beobachten, sondern aktiv mitgestalten. ProHerzschlag ist ein Beispiel dafür, wie Innovation ganz konkret den Menschen vor Ort zugutekommen kann. Es ist unser Ziel, die Rettungskette sinnvoll zu ergänzen und die Überlebenschancen bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand weiter zu verbessern“, fasste Landrat Achim Hallerbach zusammen.
Perspektivisch soll ProHerzschlag über die Grenzen des Landkreises Neuwied hinaus ausgebaut werden. Die Anbindung weiterer Gebietskörperschaften ist bereits geplant. Langfristig soll auf diese Weise ein möglichst flächendeckendes Ersthelfer-Netzwerk entstehen.
Auch über die Region hinaus stößt das Projekt auf Interesse. Der SWR berichtete bereits über ProHerzschlag und die neue Ersthelfer-App.
(PM KV Neuwied, red [LW])